Thomas Fheodoroff - Geige
Helge Stiegler - Blockflöte
Johann Sebastian Bachs berühmte Chaconne gar ein Abgesang, ein Tombeau, eine letzte Verneigung vor seiner früh und völlig überraschend verstorbenen ersten Frau Maria Barbara? Die Wissenschaft sagt ja, Musikern und Hörern darf es einerlei sein. Es ändert nichts an der Tatsache, dass Bach aus dem Choral heraus lebte, komponierte und zusammen mit Kontrapunkt und Genialität seinem damaligen Empfinden vor Gott Ausdruck verlieh. Es werden Tiefen ausgelotet, die zeitlos rühren, es wird getröstet wo der Mensch mit seinem Latein am Ende ist. Der Choral als reformatorischer «Standard» im katholischen Surrounding: Thomas Fheodoroff und Helge Stiegler sampeln im Sinne Bachs.
Martin Luther war der Fundamentalist unter den Kirchenmännern. Seine Glaubenssätze - sola fide, sola gratia, sola scriptura - warfen den Gläubigen auf sich selbst zurück, ohne Rücksicht auf das im Katholizismus gepflegte, von Weihrauch umwehte Bedürfnis der Menschen nach Geheimnissen. Verborgenes musste daher verschlüsselt werden, als Verweis auf das Göttliche hinter den Dingen, und als mentaler Widerstand gegen die Nüchternheit der Realität. Auch und gerade bei Johann Sebastian Bach.
Im Jahr 1720 fasste Bach in einem Autograph drei Violinsonaten und drei Solo-Partiten zu einem Zyklus zusammen. In dieser Zeit war er als Kapellmeister am Hof des Fürsten Leopold von Anhalt-Köethen in Amt und Würden und musste über mehrere Jahre hinweg keine geistlichen Werke schreiben. Die Solo-Handschrift verweist aber trotzdem auf spirituelle Dimensionen. Die Gründe liegen in persönlichen Erlebnissen des Komponisten. Bach war im Frühsommer des Jahres drei Monate mit seinem Dienstherrn unterwegs gewesen. Als er nach Hause ins böhmische Karlsbad kam, erfuhr er aus heiterem Himmel, dass seine Frau Maria Barbara überraschend krank geworden und kurz vor seiner Rückkehr gestorben war. Die Musikwissenschaftlerin Helga Thoene hat nun aufgrund intensiver Werkanalyse nachgewiesen, dass die 1720 niedergeschriebene Partita in d-Moll (BWV 1004), insbesondere die «Ciaccona» der fünfteiligen Suite, von Bach im Anschluss an den Schicksalsschlag als verborgene Trauerhymne an seine Gattin ! konzipiert wurde, indem sie systematisch zahlreiche Motive aus thematisch endzeitlichen Chorälen verarbeitete.
An diesem Abend versuchen die beiden Künstler eine Synthese der Partita mit ihren zugrunde liegenden Chorälen aufzuführen. Bachs berühmte Chaconne - geschrieben in tiefer Trauer um die geliebte Ehefrau - erscheint mit den dazu erklingenden Choralzitaten in einer eigentümlich neuen morbiden Schönheit.
Nähere Informationen: http://www.projektnatur.at .