Ausstellungsdauer: 16.03.2007 - 12.05.2007
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 11 - 19 Uhr, Do 11 - 20 Uhr, Sa 11 - 15 Uhr
Ort: Kunstraum Niederösterreich, Herrengasse 13, 1010 Wien
Kurator: Helmut Mark
Zwölf künstlerische Positionen aus Leipzig zeigt der Kunstraum Niederösterreich in seiner zweiten Ausstellung im Jahr 2007 und führt damit konsequent sein Programm des internationalen Austausches und der Vernetzung mit anderen Kunstmetropolen weiter. Der Fokus der Schau "Kopf oder Zahl" liegt dabei nicht auf der bereits hinlänglich bekannten "Neuen Leipziger Schule", als deren wichtigster Vertreter Neo Rauch gilt, sondern auf jenen konzeptionellen, medialen und politisierenden Ansätzen, die sich in den letzten Jahren verstärkt neben der Malerei behaupten konnten. Helmut Mark, Professor für Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig und Kurator der Ausstellung, gibt mit seiner Auswahl ein repräsentatives Bild der medial und konzeptionell arbeitenden Künstlerinnen und Künstler in Leipzig und stellt neben bereits etablierten Positionen wie jenen von Tilo Schulz oder Clemens von Wedemeyer auch eine jüngere Generation wie Famed, Arthur Zalewski oder A! lexander Hempel vor.
Raum im Prozess
Ursprünglich als offene Plattform in einem Verkaufsladen konzipiert - gleichsam als Alternative zum musealen und Galeriebetrieb -, hat Uwe-Karsten Günther den 1998 gegründeten Laden für Nichts (LFN) verkleinert und damit portabel gemacht. In zwölf 1:10 Modell-Nachbauten des Kunstortes LFN bringt Günther die Arbeiten zwölf Leipziger Künstlerinnen und Künstler (Oliver Kossack, Paule Hammer, Kerstin Schiefner, Martin Kobe, David Schnell, Tina Schulz, Famed, Tobias Lehner, Rigo Schmidt, Matthias Weischer, Jörg Ernert, Falk Haberkorn), die jeweils ein Modell bespielt haben, nach Wien. Zu seinem Raumkonzept meint Günther: "Ich reglementiere nicht und versuche, immer offen zu bleiben. Der Raum zeichnet sich dadurch aus, dass er stets im Prozess bleibt und niemals eine endgültige Situation findet."(Kunstzeitung, Januar 2007)
Mit der Veränderbarkeit des Raumes durch die Wahrnehmung des Betrachters beschäftigt sich auch Tina Schulz in ihrer Installation "Der Nachvollzug der Möglichkeiten. Notizen aus dem OBS-Raum". Sie kombiniert auf den ersten Blick zusammenhanglos erscheinende Objekte, die sich erst im gedanklichen Nachvollzug in Verbindung setzen lassen. So lässt sich beispielsweise der in drei Einzelteilen präsentierte Tisch erst in der Vorstellung des Betrachters als solcher erkennen.
Kontextualität und Bedeutungsproduktion
Eiko Grimbergs tonlose Videoprojektion einer Frauenfigur in Nahaufnahme stellt das Passiv-Individuelle der Darstellerin den aktiven Betrachtern gegenüber. Er thematisiert damit Norm und Abweichung, Handlung und Verweigerung als jene Paradigmen welche die Gesellschaft definieren. Alexander Hempel, einer der jüngsten Teilnehmer der Ausstellung und noch Student bei Helmut Mark, kombiniert verschiedene Materialien mit Bild- und Sprachwitz zu spontanen, experimentellen Skulpturen. Einen auf Stelzen stehenden Tisch, bekrönt mit einem leeren Schild, betitelt er als "Haltestelle mit miserabler Verkehrsanbindung".
Neben Kunstproduktion und deren Vermittlung liegt das Interesse von Tilo Schulz auf der Verschränkung von Hoch- und Massenkultur. "Strangeways, here we come" zählt zu seinen jüngeren Arbeiten und thematisiert die Möglichkeit der Bedeutungsverschiebung in Abhängigkeit von Formgebung und räumlichen und zeitlichen Kontext. So spannen die auf den ersten Blick an Fußbälle erinnernden Kugeln in einem Ballnetz, die tatsächlich aus Holz gefertigt sind, ein weites Assoziationsfeld im Kontext zwischen Skulptur und Installation auf. "Let´s be friends! Please do not ask for credit" titelt eine Serie von S/W-Fotografien, die Menschen beim Autoscheiben putzen zeigt. Der Pole Arthur Zalewski thematisiert hier auf ironische Weise die enttäuschte Erwartungshaltung der polnischen Bevölkerung nach dem Beitritt zur EU. Sehr puristisch mutet die Arbeit des Wieners Christoph Weber an, bevor sie sich als Serie von Abgüssen eines architektonischen Details entpuppt und damit gleichsam als verdinglic! hte Spur zu einem konkreten, irgendwo gebauten Ort zu lesen ist. Ebenfalls auf eine Art von Spurensuche begibt sich Clemens von Wedemeyer mit seinem Film "Otjesd" (Weggang), in dem Dokumentation und Inszenierung aufeinander treffen. In einem fünfzehnminütigen Loop stellen sich russische Emigranten um ein Visum nach Deutschland an - gedreht wurde die von "echten" russischen Emigranten nachgestellte Situation in Berlin in einer einzigen Kamerafahrt. Auf Wänden hinterlässt Mark Hamilton seine Textspuren - schematische, auf Orte bezogene Schriftbilder, die höchst filigran aus Bindfäden und Stecknadeln spiegelverkehrt konstruiert werden. In seinen fotografischen Arbeiten stellt auch Hamilton die Frage nach Kopie und Original sowie der daraus resultierenden Bedeutung für den Begriff "Autorschaft".
Soziale und politische Aspekte
Anna Nizio recherchiert für ihre Videoarbeiten in der Rotlichtszene. Während sie in ihrem ersten Film die Verhaltenskodices der Frauen in Bordellen thematisierte, widmet sie ihre zweite Arbeit, "The Guests", den Männern, die ein Bordell aufsuchen und lässt die Freier zu Wort kommen. In ihrer Installation "Die allmähliche Verfertigung der Gedanken / Faust Subtitles / Jodie, Sigourney und Greer" untersucht Marion Porten die Darstellbarkeit vom \'weiblichen Wissensdrang\'. Die Schauspielerin Christa Gottschalk, die in den 50er Jahren das \'Gretchen\' auf ostdeutschen Theaterbühnen verkörperte, spricht nun Goethes berühmten Faust-Monolog, in dem der ergraute Gelehrte an seinem Wissensdurst verzweifelt. Die Künstlergruppe Famed (Kilian Schellbach, Sebastian Kretzschmar, Jan Thomanek) fragt in ihren oft installativ angelegten Arbeiten nach der Positionierung von Kunst im konsum- und marktorientierten Gesellschaftssystem, wobei sie formal immer wieder Bezug auf die concept und minimal ! art nehmen. Speziell für die Ausstellung im Kunstraum Niederösterreich werden sie sich vom Ort selbst inspirieren lassen und eine Installation erarbeiten.
Die Ausstellung im Kunstraum Niederösterreich verdeutlicht, wie weit der Begriff der Medienkunst sich fassen lässt. Er deckt ein breites Spektrum an künstlerischen Ausdrucksformen ab, die von den klassischen Bereichen der Medienkunst wie Video, Sound, Multimedia und Installation bis hin zu kontext-, situations- und raumbezogenen Arbeiten reichen, die den Rahmen etablierter medialer Praktiken erweitern.
KünstlerInnen
Famed, gegründet 2003: Sebastian Matthias Kretzschmar geb. 1978, Leipzig; Kilian Schellbach geb. 1971, Leipzig; Jan Thomaneck geb. 1974, Rostock | Mark Hamilton, geb. 1968 in Plymouth/England | Alexander Hempel, geb. 1977 in Leipzig | Uwe-Karsten Günther, geb. 1962 in Gotha/Thüringen; Laden für Nichts, gegründet 1998 | Eiko Grimberg, geb. 1971 in Karlsruhe | Anna Nizio, geb. 1971 in Polen | Marion Porten, geb. 1972 in München | Tilo Schulz, geb. 1972 in Leipzig | Tina Schulz, geb. 1975 in München | Christoph Weber, geb. 1974 in Wien | Clemens Von Wedemeyer, geb. 1974 in Göttingen | Arthur Zalewski, geb. 1971 in Kedierzyn-Kozel/Polen
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (8 10,-) u.a. mit Beiträgen von Beatrice von Bismarck und Dieter Daniels.
Pressekontakt: Katrin Draxl, mailto:[draxl@kunstraum.net] , T: 0676-880 10 617
[http://www.kunstraum.net] .