ORT: Ursin Haus, 3550 Langenlois, Kamptalstraße 3
BEGINN: 20 Uhr
EINTRITT: EUR 8,- / ermäßigt EUR 6,-
INFOS & KARTEN: www.ulnoe.at bzw. 0664 / 4327973
Unterhaltungswert auf bestem Niveau ist mit dem geborenen Raconteur Radek Knapp garantiert, egal, ob es sich um die Empfehlungen eines gewissen Herrn Kuka oder um einen Papiertiger handelt, oder ob er eine Gebrauchsanweisung für sein Geburtsland Polen vorlegt: Jedes dritte Kind in Polen ist der Meinung, dass die Jungfrau Maria eine äußerliche Ähnlichkeit mit seiner eigenen Mutter hat und folglich eine polnische Staatsbürgerin sein muss.
2009 beteiligte sich Radek Knapp am Projekt mitSprache unterwegs, in dessen Rahmen zehn österreichische AutorInnen beauftragt waren, sich schreibend und reisend mit der literarischen Gattung der Reportage auseinanderzusetzen. Die Ergebnisse dieses Projekts erschienen 2010 in Buchform in der Edition Atelier (mitSprache unterwegs. Literarische Reportagen). Wie der Autor Reiseeindrücke literarisch verarbeitet, liest sich dann so:
Meine Flugangst holte ich mir keineswegs durch das Betrachten von Flugzeugkatastrophen im Fernsehen, sondern in einer Aeroflotmaschine von Singapur nach Warschau. Dass sie von zwei betrunkenen Piloten gesteuert wurde, die Gesichter von Kindern hatten, störte mich nicht. Ich war Slawe und konnte dem Vodkakonsum auch eine philosophische Note abgewinnen. Aber dass die beiden Burschen eindeutig einen zuviel in der Krone hatten wurde über Taschkent klar. Ausgerechnet über dieser kleinen Stadt setzte mitten im Flug ein Motor aus, wodurch die beiden gezwungen wurden ihre Pilotenkabine zu verlassen. Glücklicherweise trudelte die Maschine gewaltig, was sie geistesgegenwärtig ausnutzten, um ihre vodkabedingten Gleichgewichtstörungen zu verschleiern. Zur Beruhigung der Situation trugen sie Werkzeuge in der Hand, die ich das letzte Mal in einer tschechischen Doku aus den fünfziger Jahren über das Leben der böhmischen Klempner gesehen hatte.
Der gebürtige Oberschlesier Tomasz Rózycki kommt ursprünglich von der Lyrik her, arbeitet auch als Übersetzer ? hauptsächlich im Bereich französische Poetik. Rózycki gilt als einer der vielversprechendsten Schriftsteller der jüngeren polnischen Gegenwartsliteratur. Für seinen außergewöhnlichen Band Zwölf Stationen (in der großartigen Übersetzung von Olaf Kühl 2009 bei Luchterhand erschienen) erntete der Autor begeistertes Lob seitens der Literaturkritik. Und das zu Recht.
Zwölf Stationen ist als Poem angelegt und erzählt die Geschichte einer polnischen Großfamilie auf ihrer verrückt-versponnenen Reise in die eigene Vergangenheit, genauer gesagt, ein Enkel wird in die Pflicht genommen, um in der Provinz die verstreuten Familienmitglieder einzusammeln, auf dass alle gemeinsam der alten Heimat einen Besuch abstatten. Und dabei wollte der namenlose Protagonist bloß seine Oma besuchen ...
Die Reise führt zurück bis nach Lemberg, ?ins Land der Legenden und der Vertreibung, in ein Gemisch der Kulturen, dem Rózycki seine eigene poetische Ordnung verleiht. [...] Heimatliteratur, grenzenlos und grandios ? Rózycki sollten alle lesen!? (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Vierte Station: Die Expedition
Abseits vom Getöse erklärte die Großmutter ihm nun, welcher Ereignisse Zeuge er war. Demnach galt es, sobald wie möglich aufzubrechen, bevor die vorhergesehenen Katastrophen eintraten, und zu retten, was vor dem Untergang noch zu retten war. Als Allererstes war die Uhr in Sicherheit zu bringen, und zwar noch heute, ehe sie in fremde Hände fiel.
Diese Sache war ungeheuer wichtig, denn die Uhr war seit Jahren Gegenstand von Streitigkeiten in der ganzen Familie. Gerüchte kursierten, sie sei ungefähr einhundert Millionen wert, und mehrmals hatte man schon auf ihren Verkauf gedrungen, so wie auf den Verkauf anderer wertvoller, vormals deutscher Exponate; am bekanntesten war der Fall der drei wunderschönen Kristallkrüge in Tiefblau, Rubinrot und Smaragdgrün, die unter den drei Geschwistern aufgeteilt wurden. Die Uhr jedoch war eine singuläre und völlig, gerade zu definitiv, unteilbare Form.
Aussender: Unabhängiges Literaturhaus NÖ, www.ulnoe.at