Am Mittwoch, 7. August, um 21.00 Uhr durchweht ein Hauch der Salzburger Festspiele die Stadt der Türme, wenn die vom Verein Kunstbank Ferrum in Kooperation mit der Stadt Waidhofen an der Ybbs organisierte cineastische Reise weiter geht. Im Rahmen des Schlosshofkinos gelangt im Schlosshof des Rothschildschlosses nämlich in Kooperation mit dem Weltladen Waidhofen die Musikdokumentation „El Sistema“ zur Aufführung, die jenes Musikprojekt aus Venezuela porträtiert, welches derzeit mit vier Orchestern und zwei Chören bei den Salzburger Festspielen zu Gast ist.
Seit mehr als dreißig Jahren errichtet der Ökonom, Politiker und Musiker José Antonio Abreu in Venezuela das „Sistema“ - ein Netzwerk von Kinder- und Jugendorchestern sowie Musikzentren, in dem heute über 300.000 Kinder und Jugendliche ein Instrument erlernen. Was wie ein Märchen klingt, ist die außergewöhnliche Geschichte einer Vision, die Realität wurde. Mit wegweisenden Ideen versucht Abreu einen Ausweg aus dem Kreislauf der Armut in den Barrios von Caracas zu bieten. Der Dokumentarfilm „El Sistema“ zeigt, wie die Kraft der Musik langsam ein lateinamerikanisches Land verändert.
Begonnen hat alles am 12. Februar 1975. Damals gründete Abreu mit zwölf Kindern aus sozialen Brennpunkten in Caracas das erste nationale Jugendorchester Venezuelas. Das Leben dieser Kinder war von Bandenkriegen, Gewalt und Armut geprägt. Der Grundstein für ein schier unglaubliches Sozialprojekt war gelegt. Mittlerweile hat das „Sistema“ die gesamte venezolanische Gesellschaft erfasst. In so genannten „nucléos“ musizieren die Kinder und Jugendlichen nach ihrem regulären Schultag an sechs Tagen in der Woche. Abreus pädagogisches Konzept fördert dabei vor allem soziale Kompetenzen: Respekt, Übernahme von Verantwortung und die Fähigkeit des gemeinschaftlichen Musizierens. Von Anfang an sind die Kinder in Ensembles integriert und erfahren damit ein besonderes Gemeinschaftsgefühl.
Die Kinder selbst sprechen voller Stolz und Selbstbewusstsein von ihrem Instrument, von erlernter Disziplin, neuen Freundschaften und ihren Zukunftsplänen. Die phänomenale Karriere von Gustavo Dudamel dient ihnen als Vorbild. Der Dirigent, selbst im „Sistema“ groß geworden, feierte als Chefdirigent des Orquesta Sinfónica Simón Bolívar, des staatlichen Jugendorchesters Venezuelas, weltweit Erfolge. Auch erfahrene Dirigentenkollegen wie Sir Simon Rattle, Claudio Abbado oder Daniel Barenboim ließen sich vom Talent Dudamels beeindrucken und ihrerseits dazu bewegen, mit dem Simón Bolívar Jugendorchester zu arbeiten. Seit 2009 ist Gustavo Dudamel Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestra. Andere Sistema Schüler fanden ebenfalls ihren Platz in europäischen Orchestern. Etwa Edicson Ruiz, er ist mittlerweile Kontrabassist bei den Berliner Philharmonikern.
In ihrem Dokumentarfilm „El Sistema“ erzählen die Regisseure Paul Smaczny und Maria Stodtmeier die Erfolgsgeschichte des Netzwerks aus der Sicht der Schüler, Lehrer und Eltern. Der Film vermittelt die Leidenschaft und Freude beim gemeinsamen Musizieren. Und er fängt zudem das alltägliche Leben der Kinder außerhalb der Musikschulen ein. Erst aus dieser Perspektive wird deutlich, welche Chancen und Möglichkeiten das „Sistema“ den Kindern und Jugendlichen in Venezuela bietet.
Bei den diesjährigen Salzburger Festspielen ist dem venezolanischen Jugendorchester-Projekt von José Antonio Abreu ein großer Schwerpunkt gewidmet. „El Sistema“ gastiert mit vier Orchestern und zwei Chören in der Mozartstadt. 1.400 venezolanische Jugendliche stellen dabei ihr Können unter Beweis. Neben dem Orquesta Sinfónica Simón Bolívar unter Stardirigent Gustavo Dudamel ist auch das Orquesta Sinfónica Nacional Infantil mit seinen elf- bis 14-jährigen Teilnehmern zu erleben, wie es unter Dirigent Simon Rattle Mahlers Erste Symphonie umsetzt. Die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele wurde heuer am 26. Juli von „Sistema“-Gründer José Antonio Abreu höchst selbst gehalten.
Musikalisch umrahmt wird das Schlosshofkino Waidhofen an der Ybbs von DJ Reinhard Reisenzahn, der den Schlosshof vor und nach dem Film beschallt.
Für das leibliche Wohl sorgt Schlosswirt Andreas Plappert, der in Kooperation mit dem Weltladen das Schlosshofkino mit südamerikanischen Köstlichkeiten bereichert. Vier bis fünf verschiedene, eigens kreierte Gerichte werden den ganzen August über auf der Speisekarte des Schlosswirts zu finden sein. Als besonderes Angebot kann man das Schlosshofkino auch heuer wieder vom „Schlosswirt Gastro-Sitzplatz“ aus genießen und so cineastischen und kulinarischen Genuss perfekt miteinander verbinden. Tischreservierungen unter 07442/53657 sind zu empfehlen.