Die Manuskripte des Ernst F. Brod – eine Autobiographie des 20. Jahrhunderts von Heidi Schatzl
Im Mai 2015 wurde das Museum ERLAUF ERINNERT als Vernetzungsort von Zeitgeschichte, Erinnerungskultur und Gegenwartskunst eröffnet. Ein Teil der Ausstellungsfläche ist temporären Projekten gewidmet: Nachdem die Künstlerin Tatiana Lecomte mit einem Buchprojekt zwei vor den Nazis geflohenen Erlaufern ein temporäres Denkmal gesetzt hat, stellte der deutsch-syrische Künstler Manaf Halbouni 2016 einen Bezug zu gegenwärtigen Kriegsschauplätzen her. In diesem Jahr lädt die Künstlerin Heidi Schatzl die Besucher und Besucherinnen ein, in die Autobiographie des aus Erlauf emigrierten Ernst F. Brod einzutauchen.
Mit dem Titel „The Examined Life / Das geprüfte Leben“ verweist Brods Sohn in Anlehnung an den griechischen Philosophen Sokrates, der ein ungeprüftes Leben als nicht lebenswert bezeichnet, auf die unermüdliche Auseinandersetzung seines Vaters mit der eigenen Geschichte. Auf 2.000 autobiografischen, in politische und historische Kontexte gesetzten Seiten rekonstruierte dieser das frühe 20. Jahrhundert aus der Sicht eines Erlaufers, der weggehen musste, um zu überleben. Ernst F. Brod liefert ein rares Dokument von Lebensverhältnissen während der Monarchie, der ambivalenten Zwischenkriegszeit sowie beider Weltkriege. Er zeichnet darin das Bild einer verrohenden Gesellschaft und ausgenommen davon jenes erfahrener Solidarität.
Der Bauingenieur, der 1934 zu Fuß nach Paris aufbrach, konnte seine in Erlauf zurückgebliebene Familie auch Ende 1937, als er selbst in die Türkei emigrierte, nicht zum Weggehen bewegen. Seine Mutter und sein Bruder wurden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten enteignet, deportiert und ermordet.
Mit Blick auf das ehemalige Warenhaus Brod verdichtet Heidi Schatzl im Veranstaltungsraum eine Auswahl der getippten Seiten, die dem Museum von Ernst F. Brods Tocher anvertraut wurden, zu einem weit ausholenden Wandrelief, das sie mit Bildmaterial und Zeitmarkierungen ergänzt hat. Ihre Rauminstallation wird zudem von vier Säulen gestützt; sie basieren auf Ernst F. Brods politischem Denken und seiner Mitarbeit am Aufbau der frühen Moderne (u.a. beim Parlament in Ankara).
Obwohl sich Ernst Brod mit seiner Frau und seinen Kindern in Kalifornien eine neue Existenz aufbauen konnte, verlor er nie den Kontakt zu Erlauf. Ihm und einem zweiten jüdischen Emigranten, Frank Schanzer, ist die heutige Bekanntheit des Treffens der Generäle Reinhart und Dritschkin zu verdanken, die in Erlauf zusammentrafen, um das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zu feiern. Während sich in Erlauf in den folgenden Jahrzehnten eine Feier- und Erinnerungskultur im Gedenken an das Treffen zu Kriegsende entwickelte, blieb das Wissen um die jüdischen Familien, die bis 1938 Teil der Erlaufer Dorfgemeinschaft waren, weitgehend unbeachtet. Das Museum ERLAUF ERINNERT hat es sich von Beginn an zur Aufgabe gemacht, diese Biografien aus dem Verborgenen zu holen und widmet ihnen einen Teil der zeithistorischen Ausstellung.
Heidi Schatzl, lebt in Wien und arbeitet an der Schnittstelle zu Raum, Kunst und Forschung. https://heidischatzl.wordpress.com
Aussender / Infos: Marktgemeinde Erlauf, Karin Lechner, Melker Straße 1, 3253 Erlauf, Tel 02757/62 21-14, www.friedensgemeinde.at , erlauf@friedensgemeinde.at bzw. Amt der NÖ Landesregierung, Abt. Kunst und Kultur, Landhausplatz 1, 3109 St. Pölten, Ansprechperson: Katrina Petter, katrina.petter@noel.gv.at , Tel 02742/9005 13245, Fax 02742/9005 13910, www.publicart.at