In unserer modernen globalen Welt werden Kriege erschreckender Dimensionen geführt: Ganze Länder werden zum Schlachtfeld, ihre Städte in Schutt und Asche gebombt. Die Zahl der darin Verwickelten ist unüberschaubar und reicht vom eigenen Machthaber über rebellische Volksstämme bis hin zu weiteren, oft weit entfernt liegenden Staaten, die sich mit dem einen oder anderen Kriegsteilnehmer verbünden, in Wirklichkeit aber einander stellvertretend bekämpfen. Zehntausende Zivilisten bleiben auf der Strecke, sie sterben oder werden vertrieben. Zurück bleiben völlig zerstörte, auf Jahre unbewohnbare Gegenden. Es gibt keinen Sieger.
Auf Frieden wartet man vergebens, selbst Waffenruhen werden nicht eingehalten: Immer wieder flammen Kämpfe auf, von Rebellen oder Terroristen, die keine Ruhe geben wollen, die allzu oft ihre Aggressionen weitertragen in andere ferne Länder und dort brutale Anschläge verüben.
Das Festival „Musica Sacra“ führt uns vor Augen, dass Frieden nicht möglich ist, solange Krieg geführt wird: Krieg auf dem Schlachtfeld genauso wie in den Köpfen.
Freilich waren Schlachten früherer Jahrhunderte nicht weniger brutal; meist waren sie die Folge jahrelanger Auseinandersetzungen zwischen Landesfürsten und ihrer Allianzen in verschiedensten Konstellationen: Spielfiguren, hin- und hergeschoben wie auf einem Schachbrett. Und auch damals wartete man auf den Frieden, der nie kam. Doch kann es überhaupt dauerhaften Frieden geben? Im Schlusskonzert hören wir die Antwort …
Die in den Sonntags-Gottesdiensten interpretierten Messen von Wolfgang Amadeus Mozart, Michael Haydn – dessen Missa della beneficenza (Wohltätigkeitsmesse) einen besonderen Beitrag zur Festival-Thematik darstellt – und Johann Joseph Fux ergänzen das Konzertrepertoire.
Konzerte
Sonntag, 9. September, 18 Uhr, Dom zu St. Pölten
„Te Deum“
Georg Friedrich Händel: Dettinger Te Deum
Joseph Haydn: Heiligmesse
cappella nova Graz, Domkantorei St. Pölten, L’Orfeo Barockorchester
Martina Daxböck & Barbara Zidar-Willinger, Sopran / Anna Kargl, Alt / Johannes Bamberger, Tenor / Lukas Kargl, Bass / Otto Kargl, Leitung
17 Uhr, Sommerrefektorium
Werkeinführung mit Gustav Danzinger
In Zusammenarbeit mit dem Bildungshaus St. Hippolyt
Radioübertragung auf Ö1: Samstag, 8. Dezember, 11.03 Uhr
Das Eröffnungskonzert lässt zunächst vor uns eine Schlacht der alten Zeit auferstehen: den Kampf zwischen England und Frankreich im Rahmen des „Österreichischen Erbfolgekriegs“ im 18. Jahrhundert. Georg Friedrich Händel schrieb sein „Dettinger Te Deum“ einerseits als Huldigung an den damaligen Sieger England, andererseits aber auch als Gebet zu Gott um einen dauerhaften Frieden. – Und so ist das zweite Werk des Abends, Joseph Haydns „Heiligmesse“, als ein Weg zu sehen, zu echtem Frieden zu finden, der in jedem von uns selbst beginnt. Gewidmet ist die Komposition dem italienischen Mönch Bernardo da Offida, der für sein aufopferndes Wirken für die Armen und Kranken seliggesprochen worden ist. In Kriegszeiten, damals wie heute, sind Menschen wie Bernardo die Leitsterne der Barmherzigkeit. Ohne sie wäre unsere Welt arm.
Freitag, 21. September, 20 Uhr, Dom zu St. Pölten
„petit requiem“
Musicbanda Franui / Ludwig Lusser, Orgel
Radioübertragung auf Ö1: Donnerstag, 4. Oktober, 19.30 Uhr
Ludwig Lusser, seit zwölf Jahren Domorganist in St. Pölten, ist bekannt für seine spannenden, unkonventionellen Orgelkonzerte. Diesmal widmet er sich, gemeinsam mit der Musicbanda Franui, Franz Schuberts populärer Deutscher Messe. Diese Komposition wurde schon zu Schuberts Lebzeiten in vielen Kirchen aufgeführt und je nach dort vorhandenen Stimmen und Instrumenten bearbeitet; in diesem Konzert erfährt sie ein weiteres Arrangement: diesmal mit ungewöhnlicher instrumentaler Klangmischung, bestehend aus Blech-, Streich- und Saiteninstrumenten sowie Orgel. So wird die Messe aus ihrer Entstehungszeit, dem Biedermeier, hinüber in unsere moderne Welt transportiert, wodurch sie zeitlos wird – so zeitlos wie das Lob Gottes, das sie verbreitet. Und Schuberts deutsches Sanctus, „Heilig, heilig, heilig“, korreliert in der Anfangszeile mit dem alten österreichischen Kirchenlied, das Joseph Haydn in seiner „Heiligmesse“ verwendet hat …
Samstag, 29. September, 19.30 Uhr, Stiftskirche Herzogenburg
„Monteverdi and friends“
Werke von Claudio Monteverdi, Marc Antonio Ziani u.a.
Ensemble zeitgeist
Radioübertragung auf Ö1: Montag, 15. Oktober, 14.05 Uhr
Die Blütezeit italienischer Musik fand ihren höchsten Ausdruck in Claudio Monteverdi. In seinem umfangreichen Schaffen schrieb der Venezianer selbst epochale Geschichte, verband er doch die komplexe, archaische sakrale Mehrstimmigkeit der vergangenen Jahrhunderte mit dem brandaktuellen, gefühlsbetont improvisierten weltlichen Sologesang: ein Kunststück der besonderen Art, denn alter und moderner Stil erwuchsen so zu einer neuen Einheit und ebneten den Weg von der Renaissance zum Barock. Diese Vereinigung der stilistischen Gegensätze erfahren wir in diesem Konzert, und wir erleben zugleich die neue Dimension, die daraus erwächst: Musik wird individuell, sie verlässt den kirchlichen Raum und erlaubt nun dem Musiker seinen eigenen unverwechselbaren emotionalen Ausdruck. Das ist viel mehr als nur ein Zuhören: Es ist direktes Miterleben der menschlichen Selbstbefreiung in der Musik. Und diese Freiheit wird für immer Ausdruck der Künste sein.
Sonntag, 30. September, 15 Uhr, Stiftskirche Lilienfeld
„The golden age of Spanish Polyphony“
Werke von Cristobál Morales, Tomás Luis de Victoria und Francisco Guerrero
La Grande Chapelle, Spanien
Radioübertragung auf Ö1: Montag, 22. Oktober, 14.05 Uhr
Als zu Beginn des 16. Jahrhunderts König Ferdinand II. daran ging, seine Hofkapelle mit ausschließlich einheimischen Musikern zu besetzen, legte er den Grundstein für Spaniens Emanzipation von den die Epoche beherrschenden Ländern Frankreich/Burgund und den Niederlanden. Zwar hatte es auch vorher einen intensiven musikalischen Austausch mit an den Höfen engagierten ausländischen Musikern und ihren Werken gegeben. Aber erst mit der neu aufgestellten Königlichen Kapelle begann die wirkliche Blütezeit der spanischen Musik, die in der Folge an den Höfen und Klöstern in allen Provinzen des Landes gepflegt wurde. Die Besonderheit der Kompositionen sind ihre nationalen Ausprägungen, die sich in kraftvoller Formgebung und archaisch-schlichter Polyphonie in der Tradition von Palestrina widerspiegeln und denen regionale volkstümliche Elemente ihren eigenständigen Touch geben. In Werken der bedeutendsten Komponisten der spanischen Renaissance spüren wir dieser vibrierenden Individualität nach.
Freitag, 5. Oktober, 16 Uhr. Ehemalige Synagoge St. Pölten
„Vogelgesang mit Engelsposaunen“
Olivier Messiaen: Quatuor pour la fin du temps
Trio Frühstück: Thomas Wally, Violine / Sophie Abraham, Violoncello / Clara Frühstück, Klavier / Matthias Schorn, Klarinette / Veronika Grossberger, Moderation
Die Antwort darauf, wie wir auch in Zeiten von Krieg und Terror den dauerhaften Frieden immer vor Augen haben können, ist unter unvorstellbar grausamen Bedingungen entstanden: im Konzentrationslager. Dort war Olivier Messiaen 1940 interniert, dort schrieb er für sich und seine Mitgefangenen das „Quatuor pour la fin du temps“ als Friedensbotschaft. Denn so heißt es in der dem Werk zu Grunde liegenden Apokalypse des Johannes: Hinfort soll keine Zeit mehr sein. Wenn die Zeit erlischt, wenn die Welt in Gott aufgeht, gibt es keine Gefangenschaft, keine Kriege mehr.
So lautet die Botschaft, die im Schlusskonzert des Festivals erklingt: Jede Grausamkeit, jeder Krieg, jedes Tun des Menschen – alles ist endlich und vergeht, wenn die materielle Welt untergeht. Was aber bleibt, das ist ewig, das ist Geist, das ist Gott. Im Wissen darum überleben wir.
© Astrid Schramek
Aussenderin: Doris Weiß, Verein zur Veranstaltung Internationaler Kirchenmusiktage in NÖ, Prandtauerstraße 2, 3100 St. Pölten, Tel 02742/333-2601, doris.weiss@st-poelten.gv.at , www.festival-musica-sacra.at