Wie umweltbewusst sind wir in unserem Umgang mit Technologie? Wir fahren Fahrrad, wir trennen unseren Müll, wir drucken keine E-Mails aus, sondern verwahren sie in der Cloud. Doch was bedeutet es, Daten in einer Cloud zu speichern? Eine Wolke suggeriert Flüchtigkeit. Sie wiegt uns in der Illusion, dass unsere Daten zwar gesichert und immer verfügbar sind, jedoch keinen realen Platz einnehmen. Wir müssen keine Zettelwirtschaft mehr anhäufen – unsere Dokumente sind in der Cloud. Wir müssen keine CDs mehr kaufen – unsere Musik hören wir auf YouTube oder Spotify. Wir scheinen leichter zu werden und doch lagern wir unser Gewicht nur aus. Denn die Cloud braucht Server - und Server brauchen Energie.
Unsere schöne digitale Welt, die uns hilft, Papier zu sparen, ernährt sich wie zur Zeit der Industriellen Revolution aus dreckiger Kohle. Wären alle Datenspeicherzentren in einem Land zusammengefasst, so würde dieses weltweit an fünfter Stelle der größten Energieverbraucher stehen (vgl. Hu, Tung-Hui. A Prehistory of the Cloud. Cambridge, Massachusetts [u.A.]: MIT Press 2015: 79).
Die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die Zerstörung der Umwelt sind Ursachen für eine der größten Herausforderungen, die der Menschheit je bevorstand: der Klimawandel. Technologische Errungenschaften sind ein Teil des Problems, doch sie können auch ein Teil der Lösung sein. Sofern sie nicht zu einem der ersten Opfer der Erderwärmung werden, denn elektronische Geräte können unter starker Hitze nur schlecht operieren. Ein Grund für den hohen Energieverbrauch von Datenspeicherzentren ist, dass Computer permanent gekühlt werden müssen. Während sich unsere Computer kühlen, heizen sie dadurch das Klima an – und müssen sich letztendlich noch mehr kühlen.
Dieses Paradox spiegelt sich in der Installation "Your phone needs to cool down" des Künstlerkollektivs Fragmentin wieder, die im Rahmen der Ausstellung Stormy Weather im Kunstraum Niederoesterreich gezeigt wird. Unter einer Wärmelampe hängend wird ein Smartphone Temperaturen von bis zu 47 Grad Celsius ausgesetzt, bis es sich schließlich wegen Überhitzung ausschaltet. Technologie, die den Umweltbedingungen nicht mehr standhält - ein Szenario, das uns in Zeiten der Erderwärmung noch öfter begegnen wird.
Doch nicht nur Datenspeicherzentren haben einen hohen Energieverbrauch. Es ist auch unser permanenter Netzwerkzugriff, ob auf Filme, Nachrichten oder Social Media Kanäle, der tatkräftig zum Klimawandel beiträgt. Einmal pro Woche ein einstündiges Video auf dem Smartphone zu streamen verbraucht beispielsweise jährlich so viel Energie wie zwei Kühlschränke. Nicht mit dem Internet verbundene Kühlschränke, wohlgemerkt (vgl. Bridle, James. New Dark Age. London [u.A.]: Verso 2019: 64).
Die enorme Flut an Bildern, Videos und Twittermeldungen, der wir und unser Klima täglich ausgesetzt sind, beschäftigt auch den Schweizer Medienkünstler und Softwareentwickler Marc Lee. Unter dem Titel "Political Campaigns – Battle of Opinion on Social Media" konzipiert er seit 2016 einen Internet-Nachrichtensender, dessen Berichte niemals älter als drei Minuten sind. Statt einer Redaktion, die News selektiert und verarbeitet, steht hinter Lees Werk ein Bot, also ein Computerprogramm. Das Ergebnis ist eine rapide Abfolge aus Instagram-, Twitter und YouTube-Posts. Das Credo der „Liveness“ von Nachrichten und Social Media wird zugespitzt und verdeutlicht dadurch die Herausforderungen einer beschleunigten, überhitzten Nachrichtenproduktion im Netz – überhitzt im wahrsten Sinne des Wortes.
Haben wir Ihr Interesse geweckt? Im Oktober finden an mehreren Terminen öffentliche Führungen durch die Ausstellung Stormy Weather statt. Am 14.11.2020 gibt es außerdem ein letztes Mal die Möglichkeit, bei der Kuratorinnenführung mit Katharina Brandl teilzunehmen. Aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung von COVID-19 sind die Führungen auf zehn teilnehmende Personen begrenzt. Wir bitten um Anmeldung unter anmeldung@kunstraum.net .
Kuratorinnenführung: DO, 14.11.2020; 13 Uhr (mit Katharina Brandl)
Öffentliche Führungen: SA, 17.10.2020; 13 Uhr | SA, 31.10.2020; 13 Uhr | SA, 21.11.2020; 13 Uhr (Come Together Führung)
Im Anschluss an die Führungen laden wir Sie ein, eine Runde TECH TABU mit uns zu spielen. Sind Tor, Router und IP-Adresse Fremdwörter für Sie? Umso besser, dann spielen Sie mit bei Tech Tabu! Das Spiel, im Original für eine sogenannte „Cloud-Bar“ konzipiert, wurde von der Künstlerin Daniela Brugger im Rahmen des Performance-Workshops TRAKKATAKK entwickelt und thematisiert Datensicherheit im Internet. Sie können sich mit Ihren kompliziertesten Passwörtern und persönlichen Daten mehr Spielzeit erschummeln und spielen um ein Goodie vom Kunstraum Niederoesterreich.
GUERILLA GIRLS: Vorsicht, ansteckend
Zeitraum: 25.09. – 20.11.2020 | Workshopdauer: 2,5 Stunden
Nicht nur während der COVID-19-Pandemie spielen Viren für unsere Leben eine große Rolle: Wenn in den sozialen Medien etwa Videos „viral gehen“, stecken uns nicht Viren gegenseitig an, sondern Inhalte oder Accounts von populären Medien wie TikTok, Youtube oder Instagram. Gerade bei viralen Videoinhalten steht nicht nur Witz oder Kreativität hinter dem Erfolg, sondern die Algorithmen, die uns Inhalte vorschlagen. Algorithmen sind jene Regeln, denen die Software der sozialen Medien folgt. In dem Workshop Vorsicht, ansteckend! hinterfragen wir, warum uns manche Inhalte anstecken und andere nicht. Nachdem wir gemeinsam unser Internetverhalten erforschen und uns Videos zeigen, die – wie wir finden – viral gehen sollten, schauen wir uns Christiane Pescheks künstlerische Arbeit Velvet Fields genauer an, um die „Gemachtheit“ von digitalen Bildern zu besprechen. Auch das Projekt qaul.net der Künstler Christoph Wachter und Mathias Jud werden wir unter die Lupe nehmen. Im praktischen Teil des Workshops widmen wir uns anschließend noch einer eigenen Form der Hexerei: Meme Magic!
Die Teilnehmerinnenzahl ist aufgrund der COVID-19-Schutzmaßnahmen auf 10 Personen beschränkt.
Bitte Handys mitnehmen!
Bei Interesse an einem Workshop können sich Mädchen-Vereine und Mädchen-Gruppen, sowie auch gemischte Gruppen gerne bei uns melden (Alter: ab 13 Jahren). Die Teilnahme ist kostenlos! Kontakt: Lena L. Schuster, lena.schuster@kunstraum.net , Tel 01/90 42 111 –193, 0664/60 499 -193
Stormy Weather
DO, 24.09.2020 – SA, 21.11.2020 (Kunstraum Niederoesterreich)
SO, 06.12.2020 – SO, 24.01.2021 (Centre culturel suisse. Paris)
Künstler_innen: Susanna Flock & Leonhard Müllner, Fragmentin (David Colombini, Marc Dubois und Laura Perrenoud), Stefan Karrer, Till Langschied, Marc Lee, Yein Lee, Christiane Peschek, Total Refusal (Robin Klengel, Leonhard Müllner und Michael Stumpf), Christoph Wachter & Mathias Jud
Kuratorinnen: Katharina Brandl und Claire Hoffmann
Aussender: KUNSTRAUM NIEDEROESTERREICH | Herrengasse 13A-1010 Wien, kunstraum@noeku.at