Das Jahresmotto "mehr oder weniger" zeigt sich exemplarisch in den Werken der beiden Künstler der ersten Saisonausstellung 2022 am Gut Gasteil in Prigglitz im südlichen Niederösterreich. Erstmals sind frühe Tuschezeichnungen des im Vorjahr verstorbenen Bildhauers und Kunstvermittlers Johannes Seidl zu sehen. Sie stellen in ihrer detailreich-abstrakten Präzision einen spannenden Gegenpol zu den erzählerisch ausdrucksstarken Figuren in den farbkräftigen Eitemperabildern und textilen Objekten von Mela Diamant (früher Kaltenegger) dar. Bei der Eröffnung am 30. April spricht die Autorin, Kuratorin, Kunsthistorikerin Dr. Edith Almhofer. Der musikalische Eröffnungsbeitrag kommt von Helmut und Doris Scherner, von Ronald Bergmayr & Gabriele Cikanek.
Neue Frauenfiguren, neue Androgyne und eine ganz neue Serie von Keramikwesen von Charlotte Seidl erweitern die Kunst in der Landschaft heuer für ein abwechslungsreiches Erleben. Auf den bezeichneten Wegen in dem 14 Hektar großen Wiesenstück beiderseits der Straße können jederzeit - mit entsprechendem Abstand und geeignetem Schuhwerk - individuell erkundet werden. Vier Objekte von Charlotte Seidl zum Thema "gemeinsam" befinden sich derzeit auf Kunstwanderschaft und sind bei der nöART Ausstellung ZeitRäume bis Mitte Oktober an sechs Orten zu sehen. Informationen: https://noeart.at
Für Interessierte bietet das Gut Gasteil einen Newsletter, wo jeweils über das aktuelle Geschehen informiert wird: www.gutgasteil.at .
Kunst in der Landschaft: Frauen, Androgyne und Läufer
Die neue Serie der "Läufer" von Charlotte Seidl unterscheidet sich in ihrer Erscheinungsform deutlich von den zahlreichen unterschiedlichen Frauenfiguen und anderen Objekten, wie von den abstrakten der Serie "Gemeinsam" oder auch der "Androgynen". Der sonst so markante elegante Schwung, der die Konturen oft auf wenige klare Linien und Flächen mit starker Ausdruckskraft reduziert, wird bei den "Läufern" durch eine eher grobe, archaische Gestaltung ersetzt. Etwas gedrungen, in den Proportionen wie Kinder oder Gnome mit plumpen Körperteilen, strammen Beinen und stilisierten Köpfen kommen die neuen Wesen daher und rufen damit auch einen comicartigen Eindruck hervor. Wie sie da jetzt aus dem Wald herauskommen, befinden sie sich offensichtlich mitten in der Bewegung auf ein Ziel zu - ein durchaus ernsthaftes Unternehmen, scheint die einfache Markierung von Augen und Mund mit nach unten gezogenen Mundwinkeln anzudeuten. Die Werkbezeichnung "Läufer" leitet Charlotte Seidl vom Schachspiel ab, doch ihre Läufer haben sich schon selbstständig gemacht und sollen die Besucher auch dazu anregen, ihre eigenen Bedeutungen zu finden.
Neugierig aber durchaus forsch kommen die „Läufer“ seit kurzem aus dem Wald in den Wiesengrund.
Johannes Seidl: Tuschezeichnungen
Mit schnellem, präzisem Strich begann Johannes Seidl seine künstlerische Arbeit. Einige charakteristische Eckpunkte der Tuschezeichnungen setzten sich später auch in seinen weiteren Arbeiten fort, die schon bald die Dreidimensionalität des Raums in Form von Skulpturen erkundeten. Die Beschäftigung mit dem Raum und dessen Einfluss auf den Menschen faszinierte den aus einer oberösterreichischen Arztfamilie stammenden Johannes Seidl schon früh. So galt sein Interesse zunächst der Architektur und Innenarchitektur und seine detailreichen, konzentriert-geometrisch gestalteten Graphiken aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts erinnern durchaus an Architektur- oder Stadtskizzen. Die oft kreuzförmige Ausrichtung der Linien in eine betonte horizontal-vertikal oder auch Nord-Süd/Ost-West-Struktur bietet in den kleinformatigen Papierarbeiten den Grundraster für die Harmonie des Raums. Ohne konkrete Gegenständlichkeit vermitteln die geometrischen Formen und oft technisch wirkenden Linienführungen einen immer wieder unterschiedlichen Rhythmus - manchmal stark pulsierend, manchmal frei und elegant schwingend, manchmal in klar begrenzten Tuscheflächen, die er auch lasierend über die Linien darüber legte. Striche, die sich wie Blüten entfalten oder an stark abstrahierte Figuren erinnern, die sich elegant dem Tanz hingeben. Etwa 200 solcher Zeichnungen sind zwischen 1966 und 1969 entstanden. Die anmutigen Tuschzeichnungen ermöglichen nun einen Blick in den Beginn dieses Schaffens.
Mela Diamant: Eitemperabilder und textile Objekte
Die Frauen in Mela Diamants Bildern sind eigenständig und können durchaus kokett sein. Die Tiere, die sie darstellt, sind mit einer vielschichtigen Symbolik verknüpft. Die meist in kräftigen Farben gemalten Szenarien erscheinen wie eine Momentaufnahme aus einer märchenhaften Geschichte. Mela Diamant, bis vor kurzem als Mela Kaltenegger bekannt, widmet sich in ihrem künstlerischen Werk ausgewählten Fragen des Lebens, die weit über den persönlichen Bereich hinausgehen - auch wenn sie dort durchaus ihren Anfang nehmen können. Ihre jeweiligen Themen bearbeitet sie mit Eitempera auf Leinwand und mit Nadel und Faden - als textile Bilder und Stoffobjekte. Mit bisweilen fröhlich-bösartigem Humor, Ironie und heiterer Gelassenheit rückt sie seit mehr als 20 Jahren als eine der "4 Grazien" mit Performances, Aktionen und Videos aktuelle gesellschaftspolitische Stereoptypen und Ereignisse in den Fokus. Eigenschaften, die sich konsequent und energiegeladen auch durch Mela Diamants Solo-Werk ziehen und die sich auch im Spannungsfeld zwischen den durchaus poetischen Titeln und dem Bildeindruck ergeben. Am Beginn ihrer thematischen Bildserien steht jeweils die großdimensionierte Leinwand, von wo sich im Arbeitsverlauf einzelne Details oder auch Sichtweisen in kleineren Formaten oder Objekten ableiten. In den neueren Arbeiten bewegt sich Mela Diamant im prägnanten dezidierten Pinselstrich - oder Stoff und kontrastierenden Fadennähten - nun in ein barockopulentes Jenseits mit einem durchaus positiv-vergnüglichen Ausblick, wo auch mal in schrillen Farben geheiratet wird. Der Zeitrahmen bleibt offen. Käfer und andere Symbole geben indes Hinweise. Wobei die Deutungshoheit zum einen bei der Künstlerin - und letztlich beim Betrachter liegt.
Biobuffet
Parallel zum Kunstangebot läuft das kulinarische Programm im Biobuffet mit kleinen Speisen vorwiegend von regionalen Betrieben, Biokaffee und Kuchen.
Kunst in der Landschaft XIII: "mehr oder weniger"
1. Saisonausstellung 2022 | Johannes Seidl und Mela Diamant
30. April - 19. Juni 2022, Sa., So. und Feiertag 10 – 18 Uhr
Eröffnung: 30. April 2022, 18 Uhr
Gut Gasteil, Charlotte und Johannes Seidl, Gasteil 1A, 2640 Prigglitz, Tel 02662/456 33, seidl@gutgasteil.at , www.gutgasteil.at
Aussenderin / Pressebetreuung: Verena Kienast, verena.kienast@aon.at