Der Eurovelo 13/Iron Curtain Trail ist ein europäischer Radfernweg, der auf nahezu 10.000 km durch 20 Länder verläuft und entlang der historischen Grenze des „Eisernen Vorhangs“ das Verbindende in den Vordergrund stellt. Auch Niederösterreich verfügt gemeinsam mit Tschechien, Slowakei und Ungarn über entsprechende Abschnitte. Zwischen Hohenau an der March und Marchegg wird der Radweg im Rahmen von „100 Jahre Niederösterreich“ in Zusammenarbeit mit Weinviertel Tourismus 2022/2023 zum Kunstparcours.
Kuratiert von Alexandra Berlinger, Ursula Maria Probst und Martin Wagner werden künstlerische Installationen realisiert, die auf Natur und Geschichte dieses besonderen Landschaftsraums eingehen. Der Grandstand von Ilona Németh wird am Eröffnungstag zum Schauplatz eines umfangreichen Performanceprogramms mit dem Titel FLUTEN. Weitere Arbeiten entlang der Strecke stammen von Christina Gruber und Barbara Kapusta. Im ökopolitischen Zusammenspiel von Fahrrad, Landschaft, Geschichte und Kunst werden so unterschiedlichste Impulse gesetzt. Im Frühjahr 2023 folgen weitere künstlerische Positionen von mischer‘traxler und studio jephrïm + Kollektiv Plus X, die Fahrradrastplätze neu denken, sowie die finale Installation Postindustrial Creatures von Katrin Hornek.
Eröffnung am Samstag, 17. September 2022, 14 Uhr
Bei Ringelsdorf-Niederabsdorf, südlich der Absetzbecken der Zuckerfabrik Hohenau/March
15.00 Uhr, Performanceprogramm FLUTEN mit: Artists for Future, Chor Stupavská Nevädza, Malek Gnaoui & Markus Hiesleitner, Christina Gruber, Kördölör, Irene Lucas (Solar Manufaktur)/Ingrid Palmetshofer (Blubbergarten)/Maria Nguyen (mosaic united soulfood), Erster Musikverein Grenzland Hohenau, Milan Loviška, Studierende des Department of Intermedia, AFAD Bratislava sowie der Universität für angewandte Kunst, Wien
16 Uhr: Gespräch mit Katrin Hornek, Ernst Springer und Karl Schubtschik
Detaillierte Informationen zum Programm
Angebot für Radfahrer*innen am Tag der Eröffnung:
Gemeinsame Radfahrt (12 km) nach Ringelsdorf-Niederabsdorf und Fahrradsoundperformance mit Wunderkorb von Malek Gnaoui & Markus Hiesleitner, 13 Uhr Treffpunkt: Bahnhof Jedenspeigen.
Zwischenhalt bei der Arbeit von Christina Gruber mit Listening Session. Individuelle Anreise, Fahrradmitnahme im Zug möglich (oebb.at); Rückfahrt nach Wien von Hohenau/March möglich. Nur bei Schönwetter. Anmeldung erforderlich: koernoe@noel.gv.at
Shuttlebus ab 15 Teilnehmer*innen von Wien nach Ringelsdorf-Niederabsdorf, ab Wien zwischen Universität und Rathauspark. Abfahrt: 11.45 Uhr, Zwischenhalt bei der Arbeit von Barbara Kapusta (Schloss Marchegg), Rückfahrt: 17 Uhr. Um Anmeldung zur Veranstaltung ggf. mit Reservierung für den Shuttlebus bis Donnerstag, 15. September 2022, wird gebeten unter: koernoe@noel.gv.at
„Gemeinschaftliche Praktiken als Grundelemente des menschlichen Überlebens, die Neukonfiguration historischer Konzepte, die Auseinandersetzung mit der Komplexität von Grenzen und deren Überwindung, unser Verhältnis zu Natur und Mobilität…“ All diese Themen und Inhalte umreißen Alexandra Berlinger, Ursula Maria Probst und Martin Wagner für das von ihnen kuratierte Projekt SUPER NATUR.
Der kuratorische Ansatz beruht, mit Blick auf die lokalen Bedingungen, auf dem von der Physikerin Karen Barad geprägten Begriff der „Intra-Aktion“, der auf die wechselseitigen Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Pflanzen fokussiert. Vor diesem Hintergrund wird die Vielschichtigkeit der Grenze und Grenzregion zum Anstoß der künstlerischen Arbeiten: Geopolitische und ökonomische, ökologische und soziale Praxen werden dabei ebenso hinterfragt wie die der kulturellen Produktion. Es geht um den Naturraum an der Grenze und über diese hinaus wie um die mit der Klimafürsorge einhergehenden Aspekte des „Radical Care“ in einem sich derzeit verändernden weltpolitischen Kontext.
Radfahren, Kunst und Grenzen
Entlang des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“ verläuft ein europäischer Radfernweg, auf dem sich die vielschichtigen Aspekte des Grenzraums unmittelbar entdecken lassen. Nun wird der Radweg zum Kunstparcours und verbindet somit körperliche und künstlerische Erfahrungen. „Welche Prozesse, welche Veränderungen in unserer Wahrnehmung werden durch das Fahrradfahren ausgelöst? Welches Zusammenspiel von Körper, Psyche und Umwelt, Embodiment, Eigenbewegung, Autonomie und Atmen tritt dabei in Kraft? Was ist von der alten Grenze noch spürbar, wo hat sich diese scheinbar aufgelöst oder aufgrund von Pandemie und Kriegsgeschehen sogar verschärft…? “ sind Fragen, die in der Arbeit am Projekt behandelt wurden. Die künstlerischen Beiträge bieten den Dialog für mögliche Antworten an, helfen Prozesse produktiv zu nutzen und vor allem neue Räume der Begegnung und des Miteinanders jenseits aller Grenzen zu schaffen.
„Die Zeiten der Dringlichkeiten brauchen Erzählungen.“ (Donna Haraway)
Das Vorhandensein von Grenzen prägt unsere Erfahrung von Welt, wie der aktuelle Krieg in der Ukraine nur allzu deutlich werden lässt. Umso wichtiger ist die Stärkung des Gemeinschaftsgedankens und transkulturellen Austauschs. Als Prolog zu SUPER NATUR fand deshalb in der Grenzregion zwischen Österreich und der Slowakei bereits im Juni 2022 die Tour d’ICT statt, eine bilaterale Fahrradperformance von Kunst-Studierenden aus Bratislava und Wien. Präsentiert wird sie am Eröffnungstag bei der direkt am Radweg befindlichen Installation von Ilona Németh, die dem Zustand von Trennung und Dialog ein unübersehbares Zeichen setzt.
Naturraum & Augmented Reality
Die Naturlandschaft entlang des Grenzflusses March steht im Fokus weiterer Projekte. Der östlichste Teil Niederösterreichs ist einerseits durch die einzigartigen Marchauen, andererseits von seiner Geschichte als Grenzraum zum „Osten“ hin geprägt. Der „Eiserne Vorhang“, in dieser Region großteils eine „natürliche“ Grenze, dominierte von 1955 bis 1989 die Gegend und war nicht nur für die jeweilige Bevölkerung eine nachhaltig leidvolle Erfahrung, sondern wirkte sich ebenso andauernd auf die Tier- und Pflanzenwelt aus.
Katrin Hornek und Christina Gruber
beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Tier und Mensch entlang der Radstrecke. Während Hornek die ehemalige Zuckerfabrik in Hohenau und deren Auswirkungen auf das dortige Ökosystem, insbesondere die Zugvögel in den Blick rückt, wendet sich Gruber durch „Gehörsteine“ dem Übergang von Fluss- und Landleben zu und unternimmt den Versuch, der Umwelt auf diese ungewöhnliche Weise Gehör zu verschaffen.
In der Kunst, der Grenzforschung und kritischen räumlichen Praktiken zur Verteilung von Ressourcen gibt es eine lange Geschichte, die sich der transformativen Kraft alternativer Imagination bedient, um die Wahrnehmung von Grenzen und dem, was sie definieren, neu zu gestalten. So auch Barbara Kapustas Augmented-Reality-Installation, die versucht das Hier und Jetzt anhand virtueller Bildebenen kritisch in den Blick zu rücken.
Programm mit Chören, Performer*innen, Gesprächen, Prozession und Kulinarischem FLUTEN (die Flut), der Titel des alle zur Mitwirkung einladenden Performanceprogramms zur Eröffnung dient als Sinnbild für die Veränderbarkeit und Überwindung von festgelegten Grenzen durch Kunst und kooperative Kulturarbeit. Die beteiligten Künstler*innen, Performer*innen, Chöre, Musiker*innen, Aktivist*innen und Akteur*innen verfolgen die Nachhaltigkeit einer aktiv eingreifenden Praxis und zeigen auf verschiedenen Ebenen Alternativen auf: sie sind an Forschungsprojekten zu Artenvielfalt und Klimaschutz beteiligt, befinden sich im transnationalen Austausch, blicken hinter die Ursachen von Migrationsbewegungen, arbeiten an der Schnittstelle von energieautarkem Koch- und Fermentierungsprozessen oder wirken an Community-bildenden Projekten für Menschen unterschiedlicher Herkunft mit – gemeinsam lassen sie die Besucher*innen eintauchen in bis dato nicht erzählte Geschichten und neue Erfahrungshorizonte.
Aussenderin: Helga Kusolitsch, office@helgakusolitsch.at